Italien, 1943. Deutsche Truppen das Land besetzt. Jüdische Familien wurden nun gejagt und in Viehwaggons in Lager deportiert. Die Straßen waren voll von bewaffneten Soldaten. Niemand durfte sich ohne Papiere bewegen. Jeder wurde durchsucht.
Niemand außer Gino Bartali.
Mit 29 Jahren war Bartali ein extrem erfolgreicher Radrennfahrer. Er war eine nationale Ikone. 1938 hatte er die Tour de France gewonnen. Er hatte den Giro d’Italia mehrfach für sich entschieden. Sein Gesicht kannte jeder, auch die Soldaten an den Kontrollpunkten.
Und Gino Bartali erkannte, dass er etwas Wertvolleres besaß als jede Medaille.
Eines Tages erreichte ihn eine Nachricht von einem katholischen Bischof. Der koordinierte eine Gruppe, um jüdische Familien zu retten, die sich versteckt hielten. Diese Gruppe besaß Dokumente, gefälschte Ausweispapiere, die bei der Flucht helfen konnten. Doch wer sollte diese Dokumente transportieren? Jeder Kurier, den sie schickten, wurde angehalten, durchsucht und verhaftet.
„Wir brauchen jemanden, den die Soldaten nicht durchsuchen“, sagte der Bischof.
Bartali verstand sofort. „Ich werde gehen.“
Sein Plan: Er würde allen erzählen, dass er für das nächste große Rennen trainiert. Er würde die Strecken zwischen Florenz und Assisi abfahren und dabei manchmal 400 Kilometer an einem einzigen Tag zurücklegen.
Vor jeder Fahrt schraubte er Sattel und Lenker seines Fahrrads ab. Im Rahmen verstaute er gefälschte Dokumente. Alles, was eine jüdische Familie brauchte, um „katholische Italiener“ zu werden. Dann ging es los auf die gefährliche Fahrt.
Wenn ihn Soldaten anhielten, riefen sie: „Gino Bartali! Der Champion! Dürfen wir ein Foto machen?“
Er lächelte, unterhielt sich mit den Soldaten und gab Autogramme. Und er erklärte immer wieder: „Ich habe in wenigen Wochen ein Rennen!“
Die Soldaten, beeindruckt und besorgt, die Ausrüstung eines Nationalhelden zu beschädigen, winkten ihn durch.
Bartali fuhr im Regen, in der Sommerhitze. Und er hatte große Angst. Würden die Nazis auch nur ein gefälschtes Dokument entdecken, würde er am Straßenrand hingerichtet werden. Seine Frau und seine Kinder würden wahrscheinlich ebenfalls getötet werden.
Doch er beschränkte sich nicht auf Kurierfahrten.
In seinem eigenen Haus, in einem versteckten Kellerraum, versteckte Bartali die jüdische Familie Goldenberg. Jeden Tag brachte er ihnen Essen. Jede Nacht betete er, dass sie nicht entdeckt würden. Jeden Morgen wachte er auf und traf die Entscheidung: alles zu riskieren. Bis zum Kriegsende 1945 wurden mit der Hilfe von Bartali etwa 800 jüdische Leben gerettet. Achthundert Eltern, Kinder und Großeltern überlebten, weil ein Radrennfahrer seinen Ruhm als Waffe gegen die Tyrannei einsetzte.
Nach der Befreiung kehrte Bartali einfach zum Radsport zurück.
1948, mit 34 Jahren, verblüffte er die Radsportwelt mit seinem erneuten Sieg bei der Tour de France. Die Journalisten wollten wissen, wie er während des Krieges trainiert hatte.
Er lächelte und schwieg.
Bis zu seinem Tod im Jahr 2000 sprach Gino Bartali nie öffentlich über seine Taten.
Erst nach seinem Tod entdeckte seine Familie die Tagebücher, die Briefe, die Dokumente. Erst dann wurde langsam bekannt, was er getan hatte. 2013 wurde Gino Bartali von der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern geehrt – eine Auszeichnung für Nichtjuden, die während des Holocaust ihr Leben riskierten, um Juden zu retten.
Geschichten wie diese von Gino Bartali beeindrucken mich immer sehr. Wie kann ein Mensch so viel riskieren, um anderen zu helfen? Hätte ich auch den Mut???
Jesus hat einmal gesagt: „Ich versichere euch: Die Menschen in Not gehören zu meiner Familie. Alles, was ihr an Gutem für sie getan habt, das habt ihr damit auch für mich getan!“
Manchmal heißt das wörtlich, sein Leben zu riskieren wie es zum Beispiel Gino Bartali getan hat. Oft bedeutet es einfach, jemandem beizustehen, der gemobbt wird oder der irgendwie meine Hilfe braucht.
Gott schenke uns offene Augen, Ohren und Herzen, damit wir tun, was er von uns will.
Joachim Lorenz

